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Ein Bericht – Eine Tortour – Ein Ende

Die Ergebnisse der Tortour 2016 haben wir euch schon vor einigen Tagen geliefert. Aber heute kommt der „Tatsachenbericht“ von Felix. Er ist der Medieneinladung des Veranstalters gefolgt und hat die Herausforderung 525 km mit 5.500 HM angenommen. Aber lest selbst Felix‘ Bericht über seine ganz persönliche Tortour. Chapeau!

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Die Strecke der Tortour 2016

Vorgeschichte

Die Medieneinladung zur “Tortour Switzerland” vom 18. – 21.08.16. erreichte mich knapp 4 Monate zuvor und sofort war klar: das Abenteuer möchte ich angehen.

Schnell die sehr übersichtliche und gut beschriebene Internetseite überflogen. Okay, wenn ich es also richtig sehe, stehen 3 Strecken (Sprint 370 km// Challenge 525 km// Tortour 1000 km) zur Auswahl mit den Möglichkeiten als Team oder Solo zu starten.

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Das Tourbook

Zwei, drei Emails und Facebooknachrichten später wusste ich, dass ich wohl Solo mit Begleitfahrzeug die Challenge angreifen würde.

525 km mit 5.500 hm klingt doch nicht so viel, oder? Mit einem 30er Schnitt fährt man ja “nur” 17,5h. Na okay, sagen wir einen 28er Schnitt, immerhin sind ja ein paar Pässe dazwischen, also doch 18h und 45min. Geht! Immerhin bin ich auch schon 24h Rennen mit dem Mountainbike gefahren – Achtung: der aktive Leser merkt bereits, dass Mountainbike und Rennrad nicht das Selbe sind!

Die Organisation zusammen mit den Verantwortlichen für die Medienvertretern verlief perfekt. Nach einigen Erinnerungsmails und einigen Änderungen hatte ich dann auch meine Begleitmannschaft für das Abenteuer zusammen. Dabei wurde mir stets sehr freundlich und mit viel Verständnis geholfen, vor allem als es sich für mich schwierig gestaltet einen 3. Begleiter zu finden und aus Kulanz dann die Begleitung mit nur 2 Betreuern zugelassen wurde.

Die vier Monate vergingen rasch, der Tag der Anreise kam näher und ehe ich mich versah, war ich so aufgeregt wie noch nie, aß am Vorabend nur noch meinen Fleischteller mit wichtiger Portion Gemüse, weil ich wusste, dass ich etwas essen muss, das Bauchgefühl hätte es nämlich nicht zugelassen.

Auf nach Schaffhausen

Es ist nun also der 18. August 2016. Es ist früh um 7:00 Uhr. Es ist kein gewöhnlicher Morgen!

Ich stehe auf, beginne damit, mein Paleo-Körnerbrot und mein Kokos-Karotten-Brot als Proviant zu backen, fange an Frühstück vorzubereiten und beginne damit mich mental auf irgendwas einzustellen. ‘Irgendwas’ trifft es bis zu diesen Momenten tatsächlich auf den Kopf – und so beginnt die Reise nach Schaffhausen, Schweiz.

Dort angekommen gehe ich zur Anmeldung, um meine Dokumente abzuholen. Dabei erhalte ich außerdem eine Weste für die Nacht, Startnummer für den Helm und Aufkleber für das Begleitfahrzeug, zusätzlich noch Fähnchen und Goodies von diversen Tortour Sponsoren, sowie ein sehr edles Tortour Trikot. Das Paket sieht insgesamt ganz gut aus, schauen, ob es auch die 750 Sfr. wert ist, die die Veranstaltung kostet.

img_4878Im Anschluss gehen Marcus, einer meiner Begleiter und ich zum Mittagessen. Es gibt den Klassiker: Nudeln mit Fleischsauce. Ich stapfe schnell los, hole mein vorbereiteten Quinoa aus dem Auto und dazu ordentlich Soße. Überrascht genieße ich die wirklich leckere Soße, aber dieses Gefühl der Nervosität vereinnahmt mich mehr und mehr.

UPS, da war nopch was

Punkt 13:30 Uhr – (Achtung schlechter Witz) so pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk, beginnt das Briefing, in dem nochmals alles Wichtige erklärt wird. Und hier beginnt mein persönliches Elend. Achso? Die Strecke ist gar nicht ausgeschildert? Achso? ich brauche auch ein Licht am Fahrrad? Und solche Reflektionsstreifen? Achso? Das stand alles in der Ausschreibung und im Reglement? Nervosität ist jetzt bei ca. 200% und mir ist ganz dezent schlecht, ganz dezent.

Ich werde also keine Ahnung haben, wo ich lang fahren soll und nur meine Betreuer können mir aus dem Auto heraus kurze Anweisungen geben – ganz dezent schlecht. Mein Kopfkino verspricht mir unglaublich schöne Wege durch die Schweiz, nur leider fernab von der Strecke.

Alles halb so wild”, meint Marcus und meint der Veranstalter, jetzt geht es sowieso erstmal zum Prolog. Ein kurzes Bergzeitfahren über 800 m und 40 hm. Dort kann ich mich in meinem Heat mit durchschnittlich 418 Watt Leistung durchsetzen und bin letztendlich 6. in der Gesamtwertung, was auch immer das zu sagen hat.

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Der Rheinfall bei Schaffhausen

Ich fahre vom Rheinfall mit traumhafter Kulisse zurück zur IWC Arena, wir bauen unser Zelt auf und fallen nach einem Abendessen (Thunfisch-Avocado-Eisalat) in die Schlafsäcke. Ach klar, zuvor organisiere ich noch diese angesprochenen Reflektorstreifen… 10 Stk. für 10 Sfr. – ich muss lachen, aber ohne kann ich auch direkt nach Hause fahren. Also zurück zum Zelt und schlafen! Schlafen!? – es ist ja erst 18:00 Uhr, es ist ja nur an einer Hauptstraße, es ist ja nur bei einer Kirche, die alle 15 min angibt, dass sie noch da steht und natürlich ist ja meine Nervosität noch nicht vergangen.

Jetzt geht’s los

Um 23:00 Uhr klingelt der Wecker und ich finde dank netter Nachbarn heraus, dass meine Startzeit um 01:21 Uhr sein wird, denn diese Zeiten finden sich leider nur im Internet, durch einen fehlenden Hotspot bin ich dementsprechend sehr aufgeschmissen.

Mittlerweile ist auch Arndt, der Fahrer meines Begleitfahrzeugs eingetroffen, ich frühstücke, checke mein Rad, setze die Lampe auf den Helm auf und rolle – nervös – an die Startlinie in der IWC-Arena. Dort wird noch ein kurzer Radcheck durchgeführt und schon stehe ich auf der Startbühne.

“Und Felix?”, fragt der freundliche Moderator in seiner angenehmen Schweizer Art, “Wie geht es dir?”.

Was soll ich denn darauf antworten? Ich werde gleich in das Dunkle der Nacht reinfahren, habe keine Ahnung, wo es lang geht und überhaupt keine Vorstellung, was mich erwarten wird… “Gut, bin ein wenig nervös” – ist alles, was ich sage.

“Ach Felix, du brauchst doch nicht nervös sein – Viel Spaß”, schon sind die 30 Sekunden Redezeit um.

Ich rolle von der Rampe und auf gehts. Die Straße runter steht das Begleitfahrzeug, an dem ich vorbei fahre und mein erster Gedanke, warum ist es ein Passat, ich habe doch einen Skoda Octavia. Hä? (Später finde ich heraus, dass mein Autobatterie durch das stetige Licht, welches wir nutzten erschöpft war).

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Es geht also los. Wow. Es war gesagt, dass bis circa Kilometer 120 die Strecke mit Schildern für die unbegleiteten Sprint-Teilnehmer versehen ist. Check. Schnell orientiere ich mich an diesen Schildern und fahre durch die Dunkelheit der Schweiz, immer mit meinem Fahrzeug im Rücken (dafür haben wir übrigens eine 5min Strafe erhalten, weil wir übersehen hatten, dass auf der 1. Etappe gar kein Begleitfahrzeug erlaubt war.)

Zunehmend sehe und überhole ich weitere Fahrer. Geil. Das macht ja richtig dolle Spaß! Konsequent achte ich dank meiner InfoCrank Leistungsmesskurbel von Verve Cycling, einem meiner persönlichen Sponsoren, auf meine Leistung, um nie zu überziehen.

Die Beschilderung ist super und so komme ich nach geraumer Zeit zur ersten Timestation in Frauenfeld, unterschreibe und fahre weiter.

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Es setzt langsam Regen ein, das ist natürlich auf dem Rennrad in der Nacht eher uncool, aber dann ist es eben so. Regen, Dunkelheit und Rennrad. Ein bisschen mulmig ist mir schon, aber auch da gibt es Schlimmeres. Die Verpflegung und Abstimmung mit meinen Betreuern läuft geil. Ich erhalte Teile des Brots, Rinder-Landjäger und Eier, Getränke und Anweisungen. Fast wie bei Mutti.

Irgendwann biegen wir auf den Rheindamm ab, auf dem keine Fahrzeuge gestattet sind und hier kommen die Fahrer mit ihren Zeitmaschinen an mir vorbeigehämmert… Oh wow! Dieses wirklich geile Geräusch der Scheibenräder versetzt mir Gänsehaut – ruff, ruff, ruff, ruff, ruff.

Aber wichtiger für mich, mitgehen, oder mein Tempo fahren, immerhin ist starker Gegenwind und immer noch leichter Regen, es zieht sich elendig auf der Ebene hin. Mein eigenes Tempo entscheide ich!

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Der Rheindamm endet und damit auch die weitere Beschilderung der Strecke, da die Sprint-Fahrer irgendwo abgebogen sind. Puh! Da ist es wieder dieses Gefühl… Ich versuche irgendwie zur nächsten Timestation nach Chur zu gelangen, überhole Fahrer und denke mir, besser nicht, bleib hinter ihnen, dann siehst du, wo es hingeht. Gemacht, getan, angekommen. Timestation – meine Betreuer sagen mir, gib die Regenjacke her, es geht jetzt bergauf, da wird es warm. Ja, geht es, oben fängt es aber wieder stark zu regnen an… Okay. Unten angekommen wieder Jacke drüber und weiter. Langsam gelangen wir auch in die Berge es geht hoch nach Dissentis, dort nach der Timestation geht es zum Oberalppass. Hammer, diese Aussicht, denn mittlerweile ist purer Sonnenschein und die Temperaturen steigen. Die Auffahrt zur Passhöhe zieht sich, aber Meter um Meter gewinne ich Vorsprung auf meine Verfolger und irgendwann sagen mir Marcus und Arndt, dass ich aktuell auf 2ter Position liege. Wirklich? Cool! Aber, Achtung, schön auf die Wattwerte schauen und nicht überziehen. Natürlich geht es wieder herunter und hier merke ich ein merkwürdiges Stechen in der rechten Knieaußenseite. Was ist denn das? Hm. Erst einmal ignorieren, wird schon werden!

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Der Weg nach unten geht über tolle Kehren und schnelle Geraden gen Tal, da es sich teils um eine neutralisierte Zone handelt, habe ich 30 min, die ich eigentlich entspannt fahren kann, komme aber doch zu zeitig an der Auffahrt zum Sustenpass an und werde dort noch einige Minuten aufgehalten, bevor ich weiter darf. Alles kein Problem, Verschnaufpause, Toilettenzeit und Dehnen.

Pünktlich, wir haben es ja schon Mal gehört, darf ich in die Auffahrt zum Sustenpass aufbrechen, 18 km bergauf. Unterwegs lasse ich mir vorsichtshalber meine schmerzlindernde Salbe von Aktiv3 reichen.

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Es macht Spaß! Ja, tatsächlich! Das Interessante, dass die Schmerzen vergehen und ich die Aussicht fast sogar genießen kann. So kurbele ich mich da hoch, zur Passhöhe, dann oben ist ja schon die 5 von 9 Timestations. Kurze Informationen und Essen, Getränke, 2ter Platz, passt. “Mache vorsichtig bei der Abfahrt, rutschig und so”, “okay, verstehe!” und erneut geht es nach unten.

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Argh! Da ist es wieder, dieses Stechen, nicht allzu stark, also auch keiner Beachtung würdig, aber eben da. Es geht viel bergab, lediglich ein “kurzer” 350 hm Anstieg bringt ein schmerzverzerrtes Gesicht. 14 Kilometer später steht in Sachseln auch schon die Timestation 6. Yes, bald geschafft. Der Anweisung jetzt immer Richtung Luzern zu fahren gehe ich nach und merke aber auch, wie die Schmerzen stärker werden. “Knie – nur noch 180 km, dann kannst du von mir aus abfallen”.

Durch Luzern gestaltet sich die Fahrt kompliziert, aber zum Glück kann ich schnelleren Teamfahrern auf der Strecke folgen, jedoch muss ich es mir eingestehen, die Schmerzen sind schon heftig. So lasse ich mir nochmals die Creme geben, habe aber kein Gefühl in den Fingern und drücke einen Mega Klecks auf das Knie verreibe es, auf das andere auch, und den Arm, wo hin mit dem Zeug…?

Super, alles auf das Lenkerband geschmiert, welches jetzt zu einer rutschigen Angelegenheit wird. Die Strecke verläuft zwar relativ eben, aber das macht es nicht besser. Irgendwie erreiche ich die Timestation 7 bei Hochdorf. Der Weg hier hin war schon schwieriger, denn ging es bisher oft zielgerichtet auf größeren Straßen, sind es jetzt eher Seitenstraßen und Dörfer, über die man sich bewegt. Timestation 7, 2ter Platz, Essen, Anweisungen und los.

BAM!

Was ist denn das? Nein! Nein! Nein! Irgendwas hat sich mein Knie jetzt final ausgedacht. Jede Kurbelumdrehung fühlt sich an, als wenn jemand mit einem Bohrer in meine Seite sticht.

“Komm, fahr noch so weit wie möglich, sonst ärgerst du dich später, wenn du zu zeitig aufhörst”, meint Arndt.

“Wie weit es noch?”

“Nur noch 127km und relativ flach”.

Ich überschlage kurz, unter normalen Umständen sind es also noch 4h Fahrtzeit, aber so werden es wahrscheinlich 5, eher 6h. Das schaffe ich nicht.

Ich quäle mich.

Fahre weiter.

Es nützt nichts.

Ich muss mir eingestehen, dass ich knapp 110 km vor dem Ziel das Rennen abbrechen muss. 2ter Platz adé. Glorreiche Zieleinfahrt adé. All das Quälen zuvor adé.

Ich überreiche dem anhaltenden Moto-Marshal meinen Tracker und steige in unser Fahrzeug.

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Immerhin kontaktiert mich noch die Rennzentrale, weil sie sich Sorgen machen, was mir wieder zeigt, wie herzlich die Schweizer doch sind.

Fazit

Die Belastung beim Rennrad fahren ist wohl durch die ständig gleichbleibende Sitzposition eine andere, als bei einem 24h-MTB-Rennen, welche den “untrainierten” Bändern sehr zusetzen kann.

Zu gern möchte ich im kommenden Jahr beweisen, dass der ursprüngliche 2te Platz bei diesem durchweg perfekt organisierten Rennen kein Zufall war.

Als Fazit bleibt mir nur zu sagen, dass Pünktlichkeit, Rennorganisation und Service sehr hoch gehalten werden. Die Landschaft und die entsprechende Streckenwahl möchte ich persönlich als sehr bemerkenswert und einprägsam bezeichnen. Die Pässe, die Straßen, die Schönheit der Umgebung, alles harmoniert und gibt ein nie da gewesenes Gefühl auf dem Rad. Der Name spricht nun auch offensichtlich für sich, denn nach dieser Tortur darf ich vorerst kein Rad fahren und muss mein Band schonen, aber es wird stärker und wird dann die Distanz besiegen. Versprochen!

Anhang

Im Anhang befindet sich noch die Strava Datei vom Rennen, leider mit zwischenzeitlicher Unterbrechung durch einen leeren Akku und dem genauen Abbruch.

https://www.strava.com/activities/682006210/overview

Über den Autor

Felix

Geboren in der Flachlandregion Niederlausitz und zum Mountainbike gekommen, weil eine dumme Idee im Raum stand. Ein XC Rennen zu fahren.
Seit dem sind einige Jahre vergangen und mittlerweile fährt er für das 'Rad-Konzept Racing Team’ in nationalen und internationalen Mittel- und Langstreckenmarathons.
Er liebt die Berge und das nicht nur bergab.

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